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In Bulgarien sind demnächst waren vor kurzem Kommunalwahlen und jetzt ist es war Wahlkampf . Auch die Gemeinde (read: das Riesen-Moloch) Sofia wählt dann einen Bürgermeister. Wie sich die Wahlen hier gestalten, weiß ich noch nicht ganz genau. Auf dem Land, beispielsweise in Kopriwschiza, dem Dorf, in dem wir am Sonntag vor einiger Zeit waren, scheint sich es übersichtlicher zu sein: Hier hat man offensichtlich die Wahl zwischen Bauernpartei, Mafiapartei und der Tante mit den dicken Dingern bzw. lila, gelb und rot.
Die Kandidaten in der Landeshauptstadt Sofia sehen eher wie Kandidat Nr. 2 aus. Mir als einem (der Sprache nun wirklich nicht mächtigen) Ausländer auf Zeit erschließt sich der Wahlkampf natürlich kein Stück. Eine Kampagne jagt die nächste, und eine ist unverständlicher als die andere: Аз обичам София versteh ich wohl noch (Symbolsprache sei Dank). Die Körpersprache der martialischen Judo-Kampfpose des Bürgermeisterkandidaten von Атака, einer der vielen bulgarischen Rechtsaußenparteien, versteht man auch recht gut. (Für die Formensprache des entblößten Schwabbelbauchs (auf gut hessisch: Kehz) braucht’s dann aber auch keinen Dolmetscher mehr.)
Für manche Kampagnen braucht’s aber schon wesentlich mehr landeskundliches und kulturelles Wissen. Eine, offensichtlich auf den “rechts” abgebildeten Атака-Kandidaten Slavi Binev abzielende Gegenkampagne hat überall in der Stadt Plakate geklebt. Die höchst subversiven (und unter Augenhöhe angebrachten) Plakate zeigen Binev mit einem türkischen Fes) auf dem Kopf und der Aufschrift “Das ist Slavo Binev mit einem Fez auf dem Kopf. Du bist nicht von Ataka!” Das muss eine ziemliche Beleidigung und Bloßstellung für einen türken- und ausländerhassenden Rechtskandidat sein. Der Fes war die offizielle Kopfbedeckung der türkischen Beamten im osmanischen Reich. “Der Türke an sich” scheint seit Jahrhunderten das Lieblingsfeindbild der Bulgaren darzustellen. Danke an Alina aus Litauen für das Foto!
Das deutsche kulturpsychologische Phänomen der “Mauer in den Köpfen” (resp. Die Mauer wächst nach), scheint es in ähnlicher Form auch in Bulgarien zu geben. Bulgarien war seit Ende des 14. Jahrhunderts Teil des riesigen osmanisches Reiches (Wikipedia) und erlebte dabei eine Mischung aus Schreckensherrschaft (inkl. Erstgeborenem-Rauben) und (unter anderem) einer eigen- wie einzigartigen religiösen Toleranz. 1876 begann der Volksaufstand, der schließlich zur erfolgreichen Befreiung durch die Russen Krieg führte. Nebenprodukt des Freiheitskampfes: Unzählige, überwiegend erfolglose, nichtsdestotrotz noch heute gefeierte Nationalhelden. Die Befreieung als ein “den Teufel mit dem Beelzebub austreiben” zu bezeichnen wäre vielleicht zu hart, aber ein klassischer Fall von “Regen/Traufe” ist es, meiner Meinung nach, schon.
Wir schreiben das Jahr 2007. Die Türken sind (bis auf eine zehnprozentige (!) Minderheit im Land) weg, die Russen seit der Wende auch mehr oder weniger. Doch jung wie alt in Bulgarien sprechen noch heute vom “türkischen Joch”, als ob’s gestern war. In Studentski Grad finden sich Graffiti “kill turks” und überall in der Stadt Schmierereien wie “Vorsicht: Die englische Firma soundso ist in wirklichkeit türkisch – Sie belügen euch!”. In der EU gibt’s viele Türkei-Beitrittsgegner – Bulgarien ist einer von ihnen. Der x-beliebige, hoffentlich nicht repräsentative Passant, der uns kürzlich ungefragt seine Meinung zu Gott, der Welt, Sport, dem Kapitalismus und der EU aufdrängte (in dieser Reihenfolge), hatte doch tatsächlich Mißtrauen und Angst davor, dass “die Türken” eines nicht all zu fernen Tages wieder angreifen und einmarschieren.
Sympathischer und bodenständiger der Wahlkampf der bulgarischen Grünen: An hunderte Bäume entlang der verstopftesten Hauptverkehrsstraßen haben ihre Mitglieder Stoffbanner mit einem aufgedruckten tree hugger . Da fällt’s auch nicht auf, das einer davon jetzt keinen Baum mehr schmückt, sondern mein Zimmer. (Und, wie ich einige Zeit später rausfand, nicht nur meins)
Ich entschuldige mich hiermit ausdrücklich für äußerst grobe, stereotypisierende und physiognomisch basierte Verleumdungen sowie für das Mopsen eines grünparteilichen Wahlplakats. (Ich hoffe das ist nicht an den Wahlergebnissen schuld!!)
Natürlich, wenn ich die Wahl hätte, würde ich das hier wählen:
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Und ich dachte, dass Deutschland ein Populismusproblem hat…
— Buchstabensuppe · Dec 7, 12:07 AM · #