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Alternativ könnte W auch für “wirrer Scheiß” stehen. Das ist nämlich der erste Eindruck, den man vom bulgarischen Alphabet bekommt. Vom “kyrillischen ABC” zu sprechen, wäre falsch. Richtiger, aber für uns ungleich bekloppt klingender: “das kyrillische ABW”.
Bei meinem ersten bulgarischen Fließtext musste ich unwillkürlich an einen dieser billigen Fantasy-Filme denken: Der Zauberlehrling schlägt den dicken, magischen Uraltschinken auf, kann die Buchstaben der weltrettenden und prinzessinbefreienden Zauberformel aber nicht entziffern, weil sie sich vor seinen Augen in krabbelnde Ameisen verwandeln.
Ok, alles halb so wild. Eine frappierende Ähnlichkeit zwischen gewissen kyrillischen Schriftzeichen (Ж,Ш,Ф) und zwischen Buchseiten zerquetschtem Ungeziefer können aber selbst die Bulgaren nicht abstreiten, glaube ich.
Zu Zeiten des Sozialismus wurde am 24. Mai der (soweit ich weiß, auch heute noch existierenden Feier-) “Tag der bulgarischen Kultur und des slawischen Schrifttums” begangen. Ursprünglich zu Ehren von St. Kyrill und St. Methodius. Nach dem bedeutenderen dieser zwei frühzeitlichen (9. Jahrhundert n. Chr.) bulgarischen Mönchen (oder griechischen, aber lassen wir die Gelehrten in Ruhe weiter streiten) ist die kyrillische Schrift benannt. Das damals neue Schriftsystem der Glagoliza (dem Vorläufer der Kyrilliza) orientierte sich an der Aussprache und war, wenn ich das richtig verstanden habe, für Bibelübersetzungen ins Kirchenslawisch (orthodoxe Kirche) gedacht.
Anyways, Tag des slawischen Schrifttums? Naja, warum nicht – Man findet immer einen Grund zum Feiern :-) Irgendwo habe ich gelesen, dass damals die Schulkinder zum Feiertag überdimensionale Kyrilliza bastelten und (parademäßig?) durch die Straßen marschierten. Irgendwie eine lustige Vorstellung: Horden von zerquetschten Riesenameisen, die kleine Kinder in ihre Gewalt bringen und marodierend um die Häuser ziehen?
Bei meinen Recherchen konnte ich übrigens bisher leider keine verlässlichen Quellen über die genauen Umstände dieser “Alphabetegenese” von Methodius, Kyrill, Kliment und Kumpanen finden. Insbesondere über Art und Anzahl der dabei verwendeten Rauschmittel werden keinerlei Angaben gemacht. Dass dabei welche im Spiel gewesen sein müssen, steht für den objektiven Betrachter kyrillischer Buchstaben wie mich (ähem) ausser Frage: Woher sonst soll dieser ominöse sechste Vokal kommen?
Jedenfalls wäre es mir eine große Freude, wenn ich der Wissenschaft in dieser Frage direkt vor Ort in Bulgarien, im Selbstversuch und per Ausschlußverfahren (nennen wir es mal “flüssige Linguistik”) zu einem kleinen Fortschritt verhelfen könnte. Vielleicht entdecke ich dabei nach dem ersten Ameisengewusel ja das “Philphabet”?
Wer weiß.
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