Deprecated: Function set_magic_quotes_runtime() is deprecated in /customers/metaphil.de/metaphil.de/httpd.www/blogarien/textpattern/lib/txplib_db.php on line 14

Deprecated: Function split() is deprecated in /customers/metaphil.de/metaphil.de/httpd.www/blogarien/textpattern/lib/txplib_misc.php(534) : eval()'d code on line 401
/blogarien: "Frust!" oder "Ist er das, der culture shock?"

/blogarien

oder: "In case nobody is there to pick you up: Do not worry."

zurück zur Startseite

"Frust!" oder "Ist er das, der culture shock?"

Ein strahlend schöner Montagmorgen. Wir frühstücken in der warmen gerade-nicht-mehr-September-Sonne auf dem Balkon, genießen den Ausblick auf das Витоша-Gebirge, “unseren Hausberg”. (“Er heißt genau wie unser Frühstückskäse – Das kann doch kein Zufall sein!”). Nach der Dusche (ah, eine kaum spürbare Berieselung – ich fühle mich wie zuhause in Hildesheim?) marschieren T. und ich los. Heute soll schließlich die Uni losgehen. Aber eigentlich auch wieder nicht. Zumindest offiziell. Aber eigentlich noch nicht. Keiner kann uns was genaues sagen, und da uns die Tante vom Sofioter Auslandsamt gesagt hat “Kommt einfach vorbei!”, haben wir uns dafür entschieden, die Uni einfach heute losgehen zu lassen.

Bisher funktionierte die Taktik, einfach an die Bushaltestelle zu laufen und nach höchstens fünf Minuten in einen Bus einzusteigen sehr gut – Ausgerechnet heute jedoch nicht. Wir warten ungefähr 20 Minuten auf unseren Bus. In die Gegenrichtung fahren während dieser Zeit ungefähr vier Busse mit der richtigen Nummer. Wahrscheinlich plumpsen sie alle in ein Dimensionstor und kommen deswegen nicht zurück?

Das Hauptgebäude der Софийският Университет ist ein imposanter Bau aus der Zeit der “Nationalen Wiedergeburt”, also der Blütezeit des Königreichs Bulgarien Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Massiv, kolossal, beeindruckend, zentral gelegen. Der Hall jedes Schrittes klingt nach Universitas, Kateder und Doktorwürde. Und dem Marmor früherer Zeiten können auch die Jahrzente sozialistischer Verwahrlosung nicht allen Glanzes berauben. Auf der Freitreppe großes Gewusel – offensichtlich geht die Uni heute doch offiziell los, und zwar für die Erstsemester. Also drängeln wir uns durch hunderte aufgebrezelter Jungstudentinnen und deutlich weniger, aber teilweise auch fein angezogene Studenten. Einige sehen aus, als ob sie sich gerade für ihren Abi-Ball aufgedonnert hätten. Bis zu ihrer offiziellen Immatrikulationsfeier kommen wir garnicht durch.

'As sem student = Ich bin Student. Wo ist meine Schultüte?Für die Immatrikulation an der SU braucht man eine Studentenbüchlein, in das alle Kurse und Noten eingetragen werden, und eine Studentenkarte, die eher unserem Studentenausweis entspricht. Die kann man in “jeder Universitätsbuchhandlung” kaufen – sinnigerweise nur nicht in der, die im Uni-Gebäude ist. Aber egal, ich war gewarnt worden, dass die Immatrikulation umständlich sein würde. Also sprachen wir nur kurz im Auslandsamt vor und hoffen, dass sie uns am Mittwoch weiter helfen können als heute.

Wir treffen zufällig den Dekan der Philosophischen Fakultät (also unserer), der sich netterweise auch gleich Zeit für uns nimmt und uns ein paar Infos gibt – in fließendem Deutsch, das wohl auch die meisten seiner Fakultäts-Kollegen sprechen. Ein später, aber sehr nützlicher Synergieeffekt des Schaffens von Kant, Hegel und Konsorten? Der Dekan sieht übrigens ein bisschen aus wie Saddam Hussein in nett. :-)

Ja, die Wahrscheinlichkeit, dass ich der einzige blonde Mann im ganzen Hörsaal war, ist recht hoch.Er lädt uns netterweise gleich im Anschluß zu einem Sekt-und-Häppchen-Empfang der Universitätsverwaltung ein – da sagen wir nicht nein und stoßen an und auf diverse andere Erasmen. Nach ein paar Häppchen tingeln wir weiter zu einer Eröffnungsveranstaltung der PhilFak.

Ein unangenehm unergiebiger Tag. “Waste of time”, sagt T., die aber immerhin schon Listen mit Kursangeboten, Räumen und Uhrzeiten abfotografieren konnte. Vorlesungsverzeichnisse wie bei uns gibt es nicht und die Webseite der SU ist, sowohl auf Bulgarisch als auch auf Englisch, ein schlechter Witz. Ich bin immer noch keinen Deut schlauer, was meine Kurse oder Räume angeht und verschiebe es frustriert auf morgen.

Genervt fahren wir mit dem Trolleybus zurück zur Wohnung und hätten es auch fast unbehelligt dorthin geschafft, aber knapp 50 Meter vor unserem “Blok” quatscht uns ein Typ auf Englisch an, als er meinen Versuch einer Hitlermieze mit der Kamera hinterher zu rennen beobachtet. Erst das übliche: “Where are you from? What do you do?” Doch dann gleich überraschend zielgerichtet: “Do you work for an international company?” Äh, nein, warum? Er frage das, weil er auf der Suche nach Sponsoren für eine Expedition sei. Aber die Blödmänner wollen alle nicht, dabei könne er ihnen 14m² Werbefläche anbieten. Was für eine Expedition das sei? Er wolle den Atlantik im Segelschiff überqueren. Als er dann aber anfängt, die Schweiz mit Bulgarien zu vergleichen (“Wenn die EU so toll wäre, warum ist die Schweiz dann noch nicht seit 20 Jahren drin?”), wird es für uns allerhöchste Zeit, die Unterhaltung abzubrechen: Hier ist nichts zu holen. Ich fühle mich als Erasmus-Student ärgerlicherweise in die Rolle eines Botschafters und vor allem Verteidigers der EU gedrängt. Klasse zwar, dass mir Erasmus das alles hier ermöglicht, aber das Gefühl, die EU trotz ihrer vielen negativen Seiten, Auswüchse und Auswirkungen verteidigen zu müssen, das geht mir gegen den Strich…

“Jaahaa, Mensch, lustig, Leute gibt’s, ne?” Aber müssen die einen immer genau dann anquatschen, kennenlernen, volltexten und sich über den EU-Beitritt (“Es hat sich nichts verbessert, seit wir drin sind!”) ausheulen, wenn man gerade von allem nur noch genervt ist, nach Hause will oder ganz dringend auf Klo muss? Ich frage mich aber immer noch, was er wohl auf seiner Expedition auf der anderen Seite des Atlantiks zu finden hofft. Amerika vielleicht?

Vielleicht hätten wir ihm lieber von Kolumbus als der “long term orientation” der “EU politics” erzählen sollen…

zurück zur Startseite · Tags: , , ,

Senf

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen

zurück zur Startseite