Heute hat unsere Prepodawatelka eine Kommilitonin aus der Zeitung vorlesen lassen: “Alma Mater schließt am 1. November.” Wenn ich das alles richtig verstanden habe, tritt die Uni für einen Tag in eine Art Solidaritätsstreik mit den Schullehrern. Die gehen hier seit geraumer Zeit auf die Barrikaden, und am 1. Oktober soll’s richtig losgehen.
Nicht ganz “richtig los” ging hier letzten Montag nach den Ferien die Schule. H., unsere Lehrerin, erklärte uns, dass die Lehrer schon jetzt streiken. Sie gingen zwar in die Schule, unterrichteten allerdings nur schweigend. Kein Wort, den ganzen Tag. Das machten sie die ersten zwei Wochen, bis Anfang Oktober. Damit versuchen sie, so H., den Eltern der Schulkinder Zeit zu geben, entweder Druck auszuüben und sich mit Ihnen zu solidarisieren oder sich jemanden zu suchen, der auf ihre Kinder aufpasst, wenn der Streik richtig losgeht.
Es geht, wie immer, um’s Geld. Genaugenommen um 350 Leva. Das ist nämlich die Summe, die Lehrer und Lehrerinnen der staatlichen bulgarischen Schulen jeden Monat aufs Konto kriegen. Das entspricht etwa 175 Euro. Das wiederum ist eine Summe, die deutsche Lehrer und Lehrerinnen (ok, im gehobenen Schuldienst) aufs Konto kriegen können – jeden Tag.
Jaa, ich weiß, ich hab keine Quellen angegeben und nichts belegt, und meine pauschalen Vergleiche hören sich bald nach Steinewerfer-Argumentation an. Die streikenden bulgarischen Lehrer kann ich trotzdem gut verstehen – 175 Euro reicht auch hier nicht wirklich zum Leben. (Das ich ungefähr das Doppelte als monatliches Stipendium vom DAAD bekomme, darf ich gar nicht erzählen).
Doch in der breiten Bevölkerung scheint, so H., das Verständnis den Lehrern gegenüber eher gering zu sein: Viele von Ihnen verdienten sich ja noch was als Nachhilfelehrer dazu. Dass das zwar auch nicht viel mehr als ungefähr fünf Euro die Stunde sind, interessiert keinen. Was die meisten deutscher Beamtenlehrer für fünf Euro tun würden, nämlich keine Arschbacke heben, interessiert auch keinen. Aber ich beginne zu pauschalisieren, also lassen wir das. Jedenfalls sieht H. den Nutzen des Totalstreiks als ziemlich gering an, da sich ein Großteil der Lehrer vor dem Verdienstausfall fürchtet. Im Prinzip genau wie bei unseren fehlgeschlagenen Studiengebührenboykotts(-en?) in Deutschland etcpp.
Ich bewundere die bulgarischen Lehrer allerdings für ihre Kreativität beim Streiken. Mit ihrem stummen Unterricht etwa stürzen sie das Land noch nicht gleich in ein so großes Chaos, wie es die Sofioter ÖPNV-Bediensteten letztes Jahr angerichtet haben: Einen Tag lang tat keiner von ihnen seine Arbeit. Eine Millionen Einwohner, die zur Arbeit wollen, und kein Bus, kein Straßenbahn, kein Trolleybus, keine U-Bahn. (Aber die hat ja eh nur sechs Stationen…) Mit ihren Bussen und Bahnen stellten Sie sich dann auch noch auf die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte. Dort mussten sie aber nicht lange stehenbleiben: Schon am nächsten Tag wurde ihr Gehalt auf etwa 400 Euro erhöht.
Zwar uneffektiver, aber ungleich kreativer und schmerzfreier war einer der vorhergehenden Lehrerstreiks im Frühjahr 2007. Der schaffte es dank seiner Originalität sogar bis in deutsche Medien, blieb dort aber ungerechterweise, wie bei tagesschau.de, in der Rubrik “Schlusslicht” oder “Vermischtes Witziges” hängen:
Lehrer an einem Gymnasium hatten einfach allen, wirklich allen Schülern eine Eins im Zeugnis gegeben.
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