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Sprachkurs on Tour: Bojana-Kirche und Museum für Geschichte

Die Bojana-Kirche Doch, es gibt sie: Touristische Attraktionen, die auch ohne Souvenir-Shops, ohne Touristenströme und ohne die üblichen Пица- und Шницел-Tröge auskommen. Nach einem Wochenende in einem dem Massentourismus geopferten UNESCO World Heritage Städtchen am Meer weiß man diese auch gleich viel mehr zu schätzen.

Nicht all zu weit von Sofias Stadtzentrum (ca. 8 km) am Fuß des Gebirges gelegen und in einem kleinen Waldstück versteckt liegt einer dieser Schätze: Die Боянска Църква. Die ältesten Teile dieser winzigen Kirche wurden bereits im 11. Jahrhundert gebaut. Im selben Jahr hat man angefangen, sie innen mit wunderschönen Ikonen und Darstellungen biblischer Szenen auszumalen.

Der Schlüsselmann......und seine SchlüsselIch glaube niemand auf dieser Welt hätte einer an orthodoxem Kirchenschmuck nur marginal interessierten und kunsthistorisch allenfalls bruchstückhaft diese bedeutende und beeindruckende Kirche näherbringen können als “der Schlüsselmann”. Der Schlüsselmann ist schätzungsweise 70 Jahre alt, enorm rüstig. Sein sauberes, stellenweise leicht gestauchtes, osteuropäisches Englisch klingt, als ob er damals Dolmetscher bei den Alliierten gewesen sei und stets in den Sofioter Offizierskasinos diniert hätte.

Letzte Ruhe.“Would you please like to look at my hands?”, bittet er uns, seinen hastig hierhin und dorthin stechenden Fingern zu folgen. Von der in seiner Stimme schwingenden Passion könnten sich hunderte bulgarische Museumsführer eine Scheibe abschneiden und er hätte immer noch genug übrig, um die Bojana-Besucher zu begeistern.

H. und der Schlüsselmann. Was sie sich wohl gewünscht hat?Er drückte der zierlichsten (und wahrscheinlich auch Enkelin-ähnlichsten) Erasmus-Studentin die mächtigen Schlüssel in die Hand, erzählte eine nette Anekdote von wegen “Wer die Tür von Bojana aufschließt, darf sich dabei was wünschen”. Die Kirche wurde nach der Befreiung Bulgariens aus dem osmanischen Reich durch die Russen 1878 um einen neueren, aber von unserem Führer als unspektakulär abgetanen Teil erweitert. Hier muss die Hälfte der Gruppe warten, während die andere Hälfte die eigentlich interessante, altere Hälfte betreten darf. Es dürfen immer nur fünf, “na gut, bei euch sagen wir neun” Besucher für maximal 10 Minuten in der Kirche sein. Die aus dem 11. und 12.ten Jahrhundert stammenden Wandmalereien werden seit Jahren aufwändig restauriert, bedürfen aber eines enormen Instandhaltungsaufwands. Mehrere Klimaanlagen im Kirchgarten sorgen für stets konstant bleibende Luftfeuchtigkeit und Temperatur.

Aufwändige Klimatechnik im Kirchgarten.
Tja, mit dem Bildern vom eigentlich Interessanten kann ich leider nicht dienen. Fotografieren mal wieder strengstens verboten. Hier kann ich’s jedoch verstehen, diese uralten Bilder sind sicher sehr empfindlich. Und immerhin droht hier kein Schußwaffengebrauch, wie es im Nationalen Archäologischen Museum den Anschein machte. Der Schlüsselmann bittet uns, eventuelle Fragen auf später zu verschieben, denn “Ich möchte ihnen so gerne so viele Dinge wie möglich zeigen… Ich weiß, dass die zehn Minuten nicht ausreichen!”

Romantisch.Aber er hat nicht zuviel versprochen. Die Figuren sind mit einer sogar für Laien erkennbaren enormen Liebe zum Detail und in auch noch nach all diesen Jahrhunderten kräftigen Farbe gezeichnet. Das eigentlich Besondere sind aber die Plastizität und Ausdrucksstärke der menschlichen Gesichtern. “Just look this emotion, this motion, these details, …”, klingeln aus dem Hintergrund die Worte des Schlüsselmanns. Seine Begeisterung überträgt sich auf jeden. Ich glaube nicht mehr, dass der kalte Schauer, der über meinen Rücken läuft, von der Klimaanlage kommt. In Windeseile scheucht er uns durch die zwei, vielleicht wohnzimmergroßen Kirchenschiffchen und stellt uns dirigierend mal in die eine (“It is okeh! Yes, thank you! It is okeh!”), mal in die andere Ecke (“Just one more step! It is okeh!”). “Would you please like to look at my hands? Here you see such emotion, such motion. Remember, this is 200 years before the great Michelangelo in Italy was even born!”

Prächtige Ausstattung sogar in einer kleinen, unscheinbaren Kirche in Sofia.Motion, Emotion. Er hat einfach Recht, der Schlüsselmann. Orthodoxe Ikonen haben wir schon kennengelernt, aber diese Malereien, unter denen Restauratoren sogar noch eine zweite, ältere Schicht gefunden haben, ist kaum zu vergleichen mit den stets verklärt ins Nichts schielenden, streng symmetrischen Gesichtern und im allgemeinen klappstuhlgeraden Haltungen der anderen orthodoxen Heiligenbildchen. Gegen die majestätische Protzigkeit und Detailverliebtheit orthodoxer Kirchen kann bei uns kein katholischer Dom anstinken. Finde ich zu mindest.

Eingang zum jüngsten Teil der Bojana-Kirche.Hier wirkt nichts geschönt oder touristisch aufgeputzt.Diese Ikonen liegen übrigens in den für das Volk jeden Tag zugänglichen Kirchen meistens unter Glasscheiben. Eine andere Führerin erklärte uns, dass die einzige Art, die darauf abgebildeten Figuren zur würdigen und anzubeten, das Küssen selbiger sei. Deswegen die Glasscheiben. schmatz Wer da immer noch das streng hygienische westlich-unorthodoxe Abendmahl mit Becherabwischen und nahezu einzeln verpackten Oblaten unappetitlich findet? Ab und zu wackelt eine kleines, stets schwarz gekleidetes und steinaltes Muttchen an der Ikonostase, dem Mini-Altar mit den riesigen Opferkerzenständern, vorbei und wischt die Glasscheibe ab. Das Muttchen scheint ziemlich viel zu tun zu haben, denn irgendwie sieht sie in jeder Kirche im Land gleich aus? Naja, wenn sie mal gerade nicht da ist, macht das einer der Popen. Die strahlen in ihren schwarzen Gewändern und komischerweise ganz oft ganz enormen Körpergröße immer Ruhe und Würde ausstrahlen. Gegen ein kleine ähem “Spende” beten sie auch mal einen Rosenkranz mit Einem durch.

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