Ich hab’s eigentlich gar nicht zu träumen gewagt. Der Reiseführer (den ich mit Sicherheit bald in die Tonne treten werde) sagt, dass man bis Ende September im Schwazen Meer (Черно море) baden kann. Kurzentschlossen und auf gut Glück entscheiden wir (die Belgierin, eine der Deutschen und ich) uns, die für’s Wochenende angesetzt Exkursion nach Пловдив, die sehr schöne und zweitgrößte Stadt Bulgariens, wegen guten Wetters ausfallen zu lassen.
Wir nehmen statt dessen den Nachtzug von София nach Бургас am Schwarzen Meer. Nachtzug heißt: Schlafwagen. Uuuii, wie aufregend, der kleine Philipp ist noch nie Schlafwagen gefahren. Schon gar nicht in Osteuropa. Teile mir ein Sechser-Abteil mit fünf muffigen Brummel-Bulgaren. Temporär verflucht sei die bulgarische Küche und die damit verbundenen Ausdünstungen. So wie unser Abteil muss die Hölle riechen.
Zugegeben, nach meiner kulinarischen Überraschung vom Mittag könnte ich auch mein Scherflein zum Abteilmuff beigetragen haben. Im bulgarischen Restaurant, in dem wir mittags gewesen waren, hatte ich mir ein Hühnchen-Gericht ausgesucht, in dessen Beschreibung ich zumindest ein paar Wörter kannte (unter anderem Шунка). Die Kellnerin wiederholte meine Bestellung (Пилишка джоб) zögernd, aber wortwörtlich. Dachte ich jedenfalls. Bringen tat sie mir jedoch Пилишка дроб. Linguisten nennen das ein “phonetisches Minimalpaar”. Wenn du beides ein paarmal laut vor dir hersagst, dann weißt du was damit gemeint ist. Ich dagegen breche mit der Linguistik und nenne es eine brandgefährliche Fehlerquelle, die sich als mittägliche Katastrophe herausstellen sollte. Uuuii, wie eklig, der kleine Philipp hat das erste mal Hühnerleber gegessen. Pur. Nur durch das freundliche Resterüberschieben der anderen Erasmen konnte ich ein Verhungern inmitten eines Meeres von Hühnerleberchen vermeiden. Daumenhoch für Europa, es lebe die uneingeschränkte Solidarität!
In Burgas kommen wir morgens um sechs im sehenswert renovierten Bahnhof an. Schlaftrunken schleppen wir uns als erstes an den Strand. Wir frühstücken unser Brot in einer verwaisten Strandbar, die so wirkt, als ob keine halbe Stunde zuvor die letzten Gäste nach Hause getorkelt seien. Der Rest des Strands wirkt wie einer dieser verlassenen, spukenden Vergnügungspiers aus einem schlechten amerikanischen Horrorfilm: Verfallene Strandrestaurants in Schiffsform, Müll überall, dazwischen ein verlorenes Tretboot. Hinter den Kränen des angrenzenden Industriehafens fehlt jetzt eigentlich nur noch ein grünlich vor sich hin pulsierendes Atomkraftwerk. Hier enttäuscht uns Burgas aber dankbarerweise.
Mit dem Bus fahren wir ins 30 km südlich gelegene 4000-Seelen-Städtchen Сосопол. “Rustikal” ist ein dummes, aber zutreffendes Wort. Die Hauptsaison ist hier glücklicherweise schon fast vorbei. Wir lassen uns vom ersten «You need room? I have room!»- Mitschnacker mitschnacken und beziehen ein kleines, einfach eingerichtetes Dreibettzimmer für umgerechnet ca. 10,- Euro die Nacht. Insgesamt. Der Mitschnacker heißt Rumen und auf seinem kleinen Visitenkärtchen steht, dass er Мениджер sei. Bisher haben auch wir alles ganz gut gemenidscht, finden wir: Wir haben noch nicht einmal auf einen Fahrplan geschaut oder Plätze reserviert und mussten trotzdem nirgends länger als 10 Minuten (rum-)stehen.
Der Rest des Tages in Sosopol ist schnell erzählt: Strand, Schlendern, Grillplatte, Bierchen am Hafen. Alles mit Seeblick. Aber uhh, was ist denn das für eine Affenschaukel? Da war ja sogar das Bett im Zug bequemer!
Den zweiten Strand testen wir am nächsten Morgen aus. Gegen Mittag fahren wir über Burgas nach Несебър. Hier scheint die Hauptsaison noch nicht vorrüber zu sein: Deutsche und Skandinavier füllen die Gassen der winzigen Halbinsel. Verwöhnt von Sosopol, beschließen wir, dieses eigentlich nett wirkende historische Fleckchen mit dem nächsten Nachtzug nach Sofia zu verlassen. Nur noch ein kurzer Sprung ins muffige Hafenwasser und wir sind weg. Uff, gerade noch rechtzeitig, bevor sich die die unzähligen Touri-Kasernen, die hier wie artfremde Pilze in den Natur- und Artenschutzgebieten der Schwarzmeerküste aus dem Boden schießen, immer näher an Nessebar heranfressen. Nicht schön. Ein vollgepacktes Wochenende, dass sich im Nachtzug zurück anfühlt wie vier Tage.
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